Michael-Ende-Erlebnisweg – Station 2

Standort: Grundschule Garmisch Krankenhausstraße 1, neben ehemaligem Gemeindekrankenhaus

Wie das Reich Phantásien mit einem Kaiserschnitt startete

 

INTRO: Sie hören den Erlebnisweg EndeGAP, Station 2: Wie das Reich Phantásien mit einem Kaiserschnitt startete

TON: Ein Neugeborenes wimmert, danach Kinderlachen

Sehen Sie den großen, neu angelegten Spielplatz „GaPark“ vor sich? Vielleicht ist ja gerade Betrieb und Sie entdecken todesmutige Tretrollerfahrer, schwitzende Sandschaufler oder balancierende Ballerinas!

Das wäre ganz im Sinne des Mannes, der exakt hier vor fast hundert Jahren geboren wurde. Genau an der Stelle, wo jetzt die Kinder toben, stand nämlich bis 2015 das alte Garmischer Gemeindekrankenhaus. Das lässt sich noch gut an der Adresse erkennen: Krankenhausstraße 1. Und dort erblickte am 12. November 1929 um Viertel nach Fünf am Nachmittag der spätere Schöpfer Phantásiens das spätherbstliche Licht Garmischs, obwohl „Phantásien“ ja rein vom Klang her viel besser zu „Partenkirchen“ passen würde. Doch die beiden Orte sollen erst 1935 im Zuge der Winterolympiade miteinander zwangsverbandelt werden, weshalb es bis heute auch zwei Trachtenvereine, zwei Musikkapellen und zwei Festwochen gibt.

Michael Andreas Helmuth Ende ist das erste und einzige Kind für Edgar und Luise, genannt Lise Ende. Beide Eltern freuen sich riesig auf ihn, doch er lässt sich Zeit. Die werdende Mutter träumt von einem jungen Löwen, den sie einen Berg hinauftragen müsste. Weil sie sehr klein und schmal und bereits 37 Jahre alt ist, entscheidet sich der betreuende Arzt zu einem Kaiserschnitt. Der Chirurg Dr. Mehltretter führt den schwierigen Eingriff durch. Der aufgeregte junge Vater Edgar Ende telegrafiert seinem Bruder nach Hamburg: „Junge geb. Kaiserschnitt Lise sehr schlimm Edgar“. Über neun Pfund wiegt der junge Löwe. Eine Weile sieht es so aus, als würde Lise Ende den schweren Eingriff gar nicht überleben. Zwölf Tage bleiben Mutter und Kind im Krankenhaus. Doch Michael übersteht den holprigen Start ins Leben gut. Er wächst und gedeiht sogar außergewöhnlich schnell. So schnell, dass er dadurch seine eigene Taufe sabotiert: Das wunderschöne Taufkleid aus arabischer Spitze passt dem Fünf-Kilo-Brocken nicht. Schnell bestellt die Mama per Luftfracht ein Größeres. Doch als das dann endlich ankommt, passt der kleine Wonneproppen Michael auch da nicht mehr hinein! Kurzerhand verzichten die stilbewussten Eltern auf die Taufe und beschließen, dass ihr Sohn später einmal selbst über seinen Glauben entscheiden soll.

Ein großer Skandal ist das nicht, weil es die Endes sowieso nicht mehr lange in Garmisch hält. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Mit insgesamt 540 Reichsmark hatte die schwierige Geburt ein gewaltiges Loch ins Budget gerissen, zumal Lise schon in der Schwangerschaft ihr Filialgeschäft schließen musste. Und im Werdenfelser Land fehlt die Kundschaft für die Kunst des jungen Vaters Edgar. „In Garmisch kann ein Maler nichts werden, der muss nach München!“, sagt er. Also zieht die kleine Familie 1931 nach München-Obermenzing. Dort läuft es vier Jahre lang ganz wunderbar. Edgar Endes surrealistische Gemälde verkaufen sich gut, bis sie mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten plötzlich als entartete Kunst gelten.

Dass es jedoch hier und heute wieder Kindern und Kindsköpfen möglich ist, sich ganz fantastisch auszuleben – das hätte wohl der ganzen Familie Ende gut gefallen.

Abbildung: Krankenhaus @Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen




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