Michael-Ende-Erlebnisweg – Station 3

Standort: KLV-Heim Haus Kramerhof, jetzt Wohnanlage Bernrieder Hof, Von-Müller-Straße 12

KLV – Mit der Kinderlandverschickung in die innere Welt

 

INFO Sie hören den Erlebnisweg EndeGAP, Station 3: Mit der Kinderlandverschickung in die innere Welt

TON: Lärmende Schulklasse bzw. „Kinder, lasst uns Unsinn machen…“

Nein, Michael Ende ist kein guter Schüler. Es sei denn, er darf sich etwas ausdenken. Sein Mitschüler Adam Heer erinnert sich an einen Aufsatz in der ersten Klasse zum Thema „Mein Traum“, bei dem der siebenjährige Michael über zwölf Seiten fabriziert! Zitat Adam Heer: „In der Pause fragte ich ihn, wie es ihm möglich sei, so schnell und so viel zu schreiben. Seine Antwort: Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich fünfundzwanzig Seiten schreiben können.“

Abgesehen von Aufsätzen sei die Schule für ihn ein einziger langer, grauer Gefängnisaufenthalt gewesen, sagt Michael Ende hinterher. Allerdings ergibt sich 1943 immerhin der Wechsel in ein „Gefängnis“ mit besserer Aussicht: Wegen der zunehmenden Luftangriffe auf deutsche Städte werden komplette Schulklassen mitsamt Lehrkräften in ländliche Gebiete ausgelagert – die sogenannte Kinderlandverschickung. So landet Michael im mittlerweile vereinigten Garmisch-Partenkirchen.

Insgesamt zwei Jahre wird er in seinem Geburtsort verbringen. Zuerst hier, im ehemaligen Haus Kramerhof. Laut Eigenwerbung ist das damals eine „Hotel-Pension, 3 Minuten vom Bahnhof entfernt, 3 Minuten vom Marktplatz Garmisch, schönst gelegenes Gartencafé, ruhig und staubfrei, prachtvolle Aussicht, fließendes Wasser, Zentralheizung, vorzügliche Verpflegung.“ Am erhalten gebliebenen Vorderhaus lässt sich dieser einstige Glanz noch erkennen. Michael aber schläft mit seinen drei Freunden im Hinterhaus, und dort denken sie sich jede Menge Streiche aus. Zum Ärger des Hausmeisters starten sie zum Beispiel selbstgebaute Raketen, deren Feuerstrahl die Fassade verrusst.

Zitat Wolfgang Haehn: „Von der Stube 31 aus gingen also furchtbare Untaten im Kramerhof umanand. Einmal haben wir eine Farbe erwischt, eine Leuchtfarbe. (…) Und dann haben wir uns bei der Nacht einmal alle drei mit der Farb eingschmiert, so wie ein Totenkopf, also die Augen ausgespart natürlich. Und dann sind wir mitten in der Nacht in die Zimmer rein und haben so Hu-hu-huu gemacht…“

Gruselig sind die Zeiten aber auch ganz ohne Leuchtfarbe. Manchmal glüht der Himmel über dem Kramer nachts von einem Höllenfeuer: Dann brennt München. Michael kommt fast um vor Sorgen um seine Mutter, bis er einmal ein Telegramm erhält: „Atelier abgebrannt, bin gesund, Mama.“ Ablenkung findet der mittlerweile Vierzehnjährige in der Bibliothek des Kramerhofs. Er greift zu den Gedichten von Novalis alias Graf von Hardenberg. Besonders dessen Hymnen an die Nacht beeinflussen ihn stark. Als sein Freund Matthias Erzählungen schreibt und sie ihm zeigt, denkt sich Michael: „Das kann ich auch!“ Und er schreibt zehn Gedichte, die allerdings alle noch mit der Überschrift Bitte nicht lesen beginnen. Diesen Wunsch wollen wir respektieren. Wer allerdings in sein frühes Talent hineinhören möchte, findet im Anhang das sogenannte „Apokalyptische Gebet“. Michael Ende schrieb es im Alter von erst dreizehn Jahren als Reaktion auf die Hamburger Bombennächte.

Doch wie war das noch mit der angeblich so vorzüglichen Verpflegung im Kramerhof? Michael Ende findet das Essen im Kramerhof jedenfalls schrecklich und vor allem zu wenig. Seine Mutter Lise reist extra aus München an, um sich darüber zu beschweren – doch der Schuss geht nach hinten los: Um den Querulanten loszuwerden, steckt man Michael in das „Haus Roseneck“ an der Partnachstraße, gar nicht weit von der einstigen Familienwohnung im Bunten Haus entfernt.

Hier schmeckt es ihm gleich viel besser. Und hier verliebt er sich auch das erste Mal so richtig ernsthaft. Aber davon mehr bei Station 4 …

Bonus: Interview mit Adam Heer, (Audiodatei „Das Apokalyptische Gebet“)

Abbildung: Haus Kramerhof @Marktarchiv Garmisch-Partenkirchen

Hier geht es zur 4. Station
Interview mit Adam Heer



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